Gestern abend hat die ARD zum zweiten Mal
Frank Schirrmacher ausladend Gelegenheit gegeben, sensationsheischend Werbung für sein neuestes Buch "Payback" zu machen: Er war zusammen mit Jauch bei Beckmann zu Gast und beide ließen sich über die "Reizüberflutung", "Abhängigkeit" durch das "Internet" und die "Durchleuchtbarkeit des Menschen durch die Maschine" aus.
Liebe Freunde des gedruckten Wortes auf totem Holz: get a life. Ganz ähnlich wie Kris habe ich das Gefühl, mal wieder einigen Leuten vom
falschen Planeten oder aus dem falschen Jahrtausend gesehen zu haben. Nur mit dem Unterschied, dass die zwei da gestern das "in letzter Zeit" das "Internet" entdeckt haben und nun erhebliche Anpasssungsschwierigkeiten haben -- so wie die Leute, denen man früher die Schreibmaschine wegnahm, um sie mit einem Computer zu ersetzen. Der größte Witz dabei ist, dass die beiden Intellektuellen offenbar auf ihrem ureigensten Gebiet verlieren: Wenn man als Bildungsbürger (oder deren Wissensikone) eines gelernt haben sollte, dann ist das die Filterung von Informationen. Es gibt keinen Zwang das mitzumachen, was die beiden da als Gefahr sehen: Weder muss man den ganzen Tag online sein und sich von jeder Email ablenken lassen, noch muss man alle Geheimnisse irgendwelchen Firmen anvertrauen und man kann auch weitere als nur die ersten drei Suchtreffer anklicken. Das ist allerdings überhaupt nichts neues, denn auch schon früher musste man nicht jeden klingelnden Anruf direkt annehmen, nicht seinen Namen usw. bekannt machen, wenn man ein Buch suchte, noch seine Bankverbindung jedem mitteilen, dem man nach dem Weg fragt. Wenn noch nicht mal gestandene Medienleute in der Lage sind, Suchergebnisse kritisch zu hinterfragen und gegenzuprüfen, dann gute Nacht. "Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen" (so der Untertitel von Schirrmachers Buch) -- ja, mein Gott, das Hirn nicht abschalten, wenn man den Rechner oder das Handy einschaltet.
Aber ja, natürlich ist es so, dass heute viele Leute all das Unsinnige tun (nur den ersten Link klicken, alle privaten Geheimnisse rausbrüllen). Das sind aber die gleichen, die schon früher jede Schlagzeile der Bildzeitung geglaubt haben, die "keine Geheimnisse", weil sie ja eh nichts zu verbergen hatten und die auch in der Bibliothek/Buchhandlung ohne Unterstützung hoffnungslos von der schieren Menge der erhältlichen Bücher erschlagen waren. Wenn Schirrmacher dann fordert, dass wir heute in der Bildung mehr auf die Förderung des Denkens achten sollten als auf das bloße Faktenwissen, dann, aber auch genau nur dann, kann man ihm nur zustimmen. Warum er aber scheinbar glaubt, dass diese Fähigkeiten irgendwie besonders durch die Allgegenwärtigkeit von Rechnern, Internetzugängen und Informationen aller Arten gefordert sind, man diese im Umkehrschluss sonst aber nicht braucht, ist mir schleierhaft. Aber nicht nur mir, auch die Welt titelt schön
Jauch und Schirrmacher scheitern am Internet und es war auch (natürlich, war ja Beckmann) keiner da, der ihnen hätte helfen können. Es kam zwar alibiweise ein Blogger (dessen Name ich mir leider nicht gemerkt habe) für ca. 15 Sekunden per Spot für einen (sehr treffenden) Kommentar zu Wort, aber dessen Vermutung, dass Schirrmacher "Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit" hätte, wurde von diesem gleich beiseite gewischt.
Bleibt die Gewissheit, dass ich mein müdes, vermanschtes Gehirn gestern abend besser zur Ruhe gebettet hätte anstatt es dieser "wahnsinnigen Flut" an Nicht-Informationen und (Buch-)Werbemüll auszusetzen. Aber immerhin habe ich es nur versäumt, die Flimmerkiste auszuschalten, nicht das eigenständige Denken und Handeln.
PS: Noch ein Wort zum Thema "Manipulation des Wissens der Menschen durch Suchinformationen" sei gestattet. Ja, ich benutze Suchmaschinen. Meistens Google. Aber nicht nur. Die meisten Informationen, die ich aus dem Netz ziehe, werden originär erstellt. Die Informationsanbieter sind dabei durchaus klassische Medienproduzenten (wie etwa Zeitungen oder Nachrichtenproduzenten), aber natürlich auch eine Menge an anderen rein im Internet vertretenen Anbietern, Blogs wie
netzpolitik.org oder diverse sog.
Planets und News-Aggregratoren etwa. Was ich lese, entscheide ich dabei absolut gleichwertig wie bei herkömmlichen Medien anhand einer von mir aufgrund von Rezeption zugesprochenen Vertraubarkeit/Verlässlichkeit (engl. Credibility).
Natürlich lese ich nicht alles, was da alles produziert und angeboten wird. Nicht irgendeine Maschine entscheidet für mich, was relevant ist, sondern ich mache das. Aber natürlich nach einer Vorfilterung, was aber wiederum nichts neues ist, denn auch die Zeitungsmacher entscheiden etwa für mich, was ich am Morgen lesen kann. Insofern ergibt sich da für mich keine neue Situation, ich muss genau wie vorher versuchen, ein vielfältigen Blick auf eine bestimmte Information zu bekommen, um sie verlässlich bewerten zu können. BTDT.